Der Schülerbriefwechsel des Deutschen Jugendrotkreuzes

Geschichte[1]
Die Idee eines systematisch gepflegten zwischenstaatlichen Schülerbriefwechsels lässt sich auf das Ende des 19. Jahrhunderts beziehen. Er begann mit gegenseitigen Kontakten zwischen Deutschland (Prof. M. Hartmann), England (W. Stead) und Frankreich (Prof. Mielle) im Jahr 1894. In Deutschland wurde dafür die „Deutsche Zentrale für internationale Briefwechsel“ (später „Deutsche Zentralstelle für fremdsprachliche Briefschaft“) durch Hartmann gegründet. Bis zum Beginn des I. Weltkrieges wurden hierüber 40.000 Briefwechsel vermittelt. Er wurde mit Beginn des I. Weltkrieges jedoch wieder eingestellt. Hartmann begann ab 1922 wieder die Vermittlungsstelle aufzubauen, zunächst nur mit amerikanischen, später auch wieder mit englischen und französischen Schulen.

Die Ziele des Briefwechsels waren „die Hebung der Selbstständigkeit des Schülers, die Förderung der Kenntnis von Sprache und Kultur des fremden Landes und die zwischenstaatliche Annäherung auf Grund dieser Kenntnis wie auf Grund der erwachsenden persönlichen Beziehungen der Partner.“ Dazu geeignet waren nur Jugendliche, „die ernstlich gewillt sind, den Briefwechsel wenigstes ein Jahr lang mit Eifer durchzuführen.“ In den Briefen war „alles zu meiden, was ihren eigenen Ruf, den ihrer Schule oder ihres Vaterlandes irgendwie schädigen kann.“[2]

Ab 1934 wurde die Briefwechsel neu organisiert und die „Zentralstelle des Deutsch-Ausländischen Schülerbriefwechsels“ (später „Deutsche Pädagogische Auslandsstelle“ beim Deutschen Akademischen Austauschdienst) durch das Reichsministerium des Innern gegründet. Daneben war für die Briefwechsel mit deutschen Schulen im Ausland und Auslandsdeutschen der „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ zuständig.[3] Als Ziele des Briefwechsels galten jetzt – ganz im nationalsozialistischen Sinne – folgende Maxime:

„Der Schülerbriefwechsel mit dem Auslande steht im Dienst des innerdeutschen nationalsozialistischen Erziehungsarbeit. Durch ihn soll der Schüler um Liebe und Verständnis für sein eigenes Volk werben lernen, sein eigenes Wissen vom fremden Land und Volk vertiefen und zugleich seinen Partner zur Erreichung desselben Zieles behilflich sein. Aus der lebendigen Begegnung mit fremdem Volkstum soll ihm eine tiefe Einsicht in das Wesen des eigenen Volkes erwachen. Dabei soll er sich immer der Tatsache bewußt bleiben, daß er dem Partner als Vertreter des deutschen Volkes erscheint und sein würdevolles Verhalten für die Beurteilung des deutschen Volkes im Auslande von Bedeutung ist.“[4]

Nach bekannten Zahlen, die zwischen Oktober 1932 und Ostern 1934 erhoben wurden, betrugen die gesamten reichsweiten Schülerbrief-Vermittlungen 9.845 Sendungen.[5]

Die „erzieherische Bedeutung“ der Briefwechsel wurde 1935 erneut durch das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung betont:
„Der Schülerbriefwechsel mit dem Auslande besitzt eine wesentliche erzieherische Bedeutung.“[6]

Für den Briefwechsel wurden einheitliche Richtlinien erlassen, denen sich auch das Deutsche Jugendrotkreuz anschloss.

Schülerbriefwechsel des Deutschen Jugendrotkreuzes
1926-1939
Die Briefwechsel, die ausschließlich Klassen aus den Schulen („Schul-Jugendrotkreuz“), meistens Volksschulen, durchführten, begann gleich in der Gründungszeit des Deutschen Jugendrotkreuzes.
Bereits kurz nach seiner Gründung im Mai 1925 wird im „Generalbericht des Deutschen Roten Kreuzes 1926-1928“ erwähnt: „Der Schulbriefwechsel entwickelt das Bewußtsein einer Verbundenheit über die Volksgrenzen hinaus.“[7]

Erste Zahlen für 1926 bis 1929 sind wie folgt verfügbar:
„Von einem regelmäßigen Schulbriefwechsel kann erst seit 1926 gesprochen werden, wo 87 Schulsendungen aus Deutschland hinausgingen. 1928 waren es 104, im ersten Halbjahr 1929: 66, in den nächsten ¾ Jahren 47 Schulbriefsendungen. Die Zahl der beteiligten Länder ist zwischen 1926 von 11 auf 24 angewachsen.“[8]

1930 wurden die „Richtlinien für den Schulbriefwechsel“ verabschiedet, in denen explizit auf die Rotkreuz-Neutralität Bezug genommen wird:
„Der Briefwechsel bezweckt einen rein sachlichen Austausch; jede politische Absicht scheidet gemäß der Neutralität des Roten Kreuzes aus.“[9]

Für die nachfolgenden Jahre liegen keine genauen Zahlen vor, jedoch ein Bericht vom Walter Georg Hartmann, dem JRK-Bearbeiter im DRK-Generalsekretariat:

„Vom Jahr 1930 zu 1931 hat sich der Schulbriefwechsel des deutschen Jugendrotkreuzes mit ausländischen Schulen mehr als verdoppelt, mit deutschen Schulen vervierfacht.“[10]

Die gezielte Ansprache der Schulen, intensive Werbearbeit und vielleicht das kostenlose Angebot der Versendung zeigten also Wirkung und stärkten die Jugendrotkreuz-Arbeit in den Schulen.

Kurz nach Beginn der nationalsozialistischen Machtherrschaft wurde dem Jugendrotkreuz im Jahr 1933 durch das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bestätigt:
„Gegen den von Mitarbeitern des Deutschen Jugendrotkreuzes vermittelten Schülerbriefwechsel mit ausländischen Schülern habe ich Bedenken nicht zu erheben.“[11]

Für die Vermittlung der Schülerkontakte waren mehrere Stellen zuständig (siehe oben), so auch das Deutsche Jugendrotkreuz. Hier gab es jedoch zwei Besonderheiten: das Jugendrotkreuz vermittelte ausschließlich Briefwechsel ganzer Klassen und Gruppen und die Vermittlung war für die Schulklassen kostenlos. Bei den anderen Trägern wurden pro Einzelbriefwechsel 30 Reichpfennig bezahlt. Die Verteilung über das Jugendrotkreuz ging dann über die Liga der Rotkreuz-Gesellschaften an die Nationale Rotkreuz-Gesellschaft des jeweiligen Landes, die dafür sorgte, dass eine passende Partnerschule gefunden werden konnte.

Die damalige Jugendrotkreuz-Zeitschrift „Deutsche Jugend“ berichtete fortlaufend über eingegangene und verschickte Briefwechsel, wie das nachfolgende Beispiel verdeutlicht.


Berichterstattung in der Zeitschrift „Deutsche Jugend“,
Jahrgang 1934, Ausgabe November 1934.

Die Arbeit des Deutschen Jugendrotkreuz wurde im Folgenden durch die Nationalsozialisten stark eingeschränkt. Zum Beispiel musste die reichsweit renommierte Zeitschrift „Deutsche Jugend“ 1936 eingestellt werden. In der Einstellungsmitteilung der Zeitschrift vom Februar 1936 wird explizit der Schulbriefwechsel als weiter bestehendes Aufgabengebiet erwähnt, um den Schulen weiteren Kontakt zum Jugendrotkreuz zu geben:
„Vor allem läuft unverändert weiter der gerade jetzt durch einen neuen Aufschwung verstärkte Schulbriefwechsel des Jugendrotkreuzes mit dem Auslande. Das Deutsche Jugendrotkreuz ist amtlich in den Austausch eingefügt, und zwar von allem für die Volksschulen und den Gruppenbriefwechsel. Der Weg der Vermittlung und der Sendungen bleibt der gleiche wie bisher. Vielleicht besteht die Möglichkeit, allen am Jugendrotkreuz-Schulbriefwechsel mit dem Auslande Beteiligten in Zukunft ab und zu besonders gesammelte Anregungen aus der Praxis zu übermitteln.“[13]

Mit der Hitler-Jugend traf das Deutsche Rote Kreuz bereits am 11. Oktober 1935 ein Abkommen über die Zugehörigkeit zum Jugendrotkreuz.[14]


Berichterstattung in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Deutsche Jugend“,
Jahrgang 1936, Ausgabe März 1936.

Das Brief-Programm wurden über die Jahre weitergeführt. Letzte Zahlen über den Schülerbriefwechsel bis zum Jahr 1939 sind wie folgt bekannt:
„Es gingen ausländische Sendungen ein:
im Berichtsjahr 1937/38: 203
im Berichtsjahr 1938/39: 227
und deutsche Sendungen heraus:
im Berichtsjahr 1937/38: 140
im Berichtsjahr 1938/39: 130.“
Zur Herkunft der Schülerbriefe wurden folgende Angaben gemacht:
„Den Hauptanteil an den ausländischen Sendungen hatten wiederrum das Japanische und das Amerikanische Rote Kreuz. Dabei ging der Anteil der japanischen Schulen in einzelnen Zeitabschnitten bis zu 50 Prozent des Gesamteinganges. Im ganzen wurde in den beiden Berichtsjahren ein Austausch durchgeführt mit 19 verschiedenen Ländern, und zwar verteilt auf sämtliche Erdteile.“[15]

Der Verfasser geht davon aus, dass bald nach Beginn des II. Weltkrieges (1939) dieses Programm des JRK eingestellt wurde,[16] Deutschland befand sich dann nachfolgend mit vielen Ländern im Krieg, so dass derart Austausch über Grenzen hinweg wohl kaum mehr möglich war.

Ab 1945
Der Schülerbriefwechsel wurde nach dem II. Weltkrieg sofort wieder aufgenommen und durch praktische Anregungen aus der Praxis ergänzt.[17] Gerade jetzt, in der Nachkriegszeit war die Not auch in Deutschland groß und viele Schulen und JRK-Gruppen erhielten Faltschachteln von ausländischen Schulen gespendet. Hier galt es nun in Kontakt zu treten und sich für die reichhaltigen Geschenke zu bedanken. Dazu sind mehrere Berichte z. B. aus dem Jahr 1949 bekannt.

Aber auch innerdeutsch[18] wurde viel hin- und hergeschrieben, das Jugendrotkreuz im DRK-Landesverband Niedersachsen versuchte Ende 1949 eine Übersicht über die tatsächlichen Schülerbriefwechsel zu gewinnen.

„SchulbriefwechseI.
Wir bitten alle Lehrer, deren Klasse mit einer Schule oder Schulklasse im Inland in Briefwechsel gekommen ist, der Geschäftsstelle des JRK beim Landesverband des DRK, Hannover, Leinestr., zu melden, wann der Briefwechsel begonnen wurde, mit welcher Klasse in welchem Ort er geführt wurde oder noch wird (Anschrift des betreffenden Lehrers), gegebenenfalls welche Gründe dazu geführt haben, den Schulbriefwechsel nicht fortzusetzen.“[19]

Das Ergebnis der Abfrage ist leider nicht bekannt.

Für das zweite und dritte Quartal des Jahres 1951 liegen jedoch folgende Angaben vor:
„Der internationale Schulbriefwechsel wies im zweiten Quartal d. J. [1951] eine rege Beteiligung auf. Insgesamt wurden 70 Alben von deutschen Schulen ins Ausland versandt. Die Zahl der im dritten Quartal verschickten Alben betrug 64, obwohl in diesem Zeitraum die Oster- und Sommerferien fielen.“[20]

Bei diesen Zahlen dürfte es sich ausschließlich um Briefwechsel in der britischen Zone gehandelt haben.

Wann genau der Schülerbriefwechsel im Deutschen Jugendrotkreuz zum Erliegen kam, ist unbekannt. Unterlagen oder Hinweise dazu sind dem Verfasser nicht bekannt. Fraglich bleibt dabei auch, ob es ein bewusster Entschluss der Jugendrotkreuz-Leitung war, oder ob das Programm einen schleichenden Ausgang fand.

Anlage
Zahlen des internationalen JRK-Schulbriefwechsels über die Liga der Rotkreuz-Gesellschaften in den Jahren 1938 bis 1949:[21]
1938: 6698
1939: 5168
1940: 2451
1941: 1275
1942: 734
1943: 431
1944: 577
1945: 1962
1946: 3007
1947: 4967
1948: 498
1949: 2157[22]

Anmerkungen:
[1] Zusammengestellt aufgrund folgender zeitgenössischer Berichte: Friedrich Depken: „Der Schülerbriefwechsel“, in: Deutsches Philologen-Blatt, 38. Jahrgang, 1930, Seite 539 ff. und Gerhard Gräfe: „Der deutsche Schülerbriefwechsel mit dem Ausland.“, in: Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 2. Jahrgang, 1936, Seite 81 ff.
[2] Depken, Seite 539.
[3] Gräfe, Seite 81.
[4] Gräfe, Seite 81.
[5] Deutsches Philologen-Blatt, 42. Jahrgang, 1934, Seite 262.
[6] Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 1. Jahrgang, 1935, Seite 270.
[7] Deutsches Rotes Kreuz: Generalbericht des Deutschen Roten Kreuzes 1926-1928, 2028, Seite 10.
[8] Deutsches Philologen-Blatt, 1930, Seite 539 ff.
[9] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 57. Anderer Wortlaut in der pädagogischen Fachzeitschrift „Die Arbeitsschule“: „Das Jugendrotkreuz ist – auf Grundlage absoluter Neutralität und in ideeller Weltverbundenheit – eine Bewegung, die die Schule bei ihrer Arbeit auf hygienischen und sozialem Gebiete unterstützen will. Sie umfaßt in den Ländern der ganzen Erde heute schon über 12 Millionen Schulkinder.“ Friedrich Depken: Die Arbeitsschule, 46. Jahrgang, 1936, Seite 39.
[10] Walter Georg Hartmann: „Gegenwartsaufgaben im deutschen Jugendrotkreuz.“ In: Die Arbeitsschule, 19. Jahrgang, 1932, Seite 343 ff.
[11] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 43.
[12] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 57.
[13] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 54.
[14] „In Zukunft wird der gesamte jugendliche Nachwuchs des Deutschen Roten Kreuzes ausschließlich durch die H.J. sichergestellt. Damit erübrigt sich die Weiterführung eigener Jugendgruppen des Deutschen Roten Kreuzes.“ In: Deutsches Rotes Kreuz: Blätter des Deutschen Roten Kreuzes, 14. Jahrgang, 1935.
[15] Deutsches Rotes Kreuz: Das Deutsche Rote Kreuz Jahresbericht 1937/39, undatiert, Seite 79 f.
[16] So auch bei Gerd Cichlinski: „Entstehung, Entwicklung und Ziele des Jugendrotkreuzes in Deutschland“, Diplomarbeit, Koblenz 1978, Seite 51.
[17] Willy Hanemann: Der Jugendrotkreuz-Schulbriefwechsel. In: Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 4, 1. August 1949.
[18] Westdeutschland; für das Gebiet der späteren Deutschen Demokratischen Republik liegen dem Verfasser keine Angaben vor.
[19] Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 7, 1. November 1949.
[20] Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 11, 1. Oktober 1951.
[21] Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 13, 1. Mai 1950.
[22] Nur erste Jahreshälfte.

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