Neue Erkenntnisse zu den Verleihungszahlen der Oldenburger Rote Kreuz-Medaille

Nach intensiven Recherchen habe ich nun einen Text zu den Verleihungszahlen der Oldenburger Rote Kreuz-Medaille geschrieben:
schmid-ol.de: Neue Erkenntnisse zu den Verleihungszahlen der Oldenburger Rote Kreuz-Medaille

Die ORKM hat übrigens gar nichts mit dem Roten Kreuz zu tun. Sie war ein staatlicher Orden des Großherzogs von Oldenburg, der von 1908 bis 1918 verliehen wurde.

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Der Schülerbriefwechsel des Deutschen Jugendrotkreuzes

Geschichte[1]
Die Idee eines systematisch gepflegten zwischenstaatlichen Schülerbriefwechsels lässt sich auf das Ende des 19. Jahrhunderts beziehen. Er begann mit gegenseitigen Kontakten zwischen Deutschland (Prof. M. Hartmann), England (W. Stead) und Frankreich (Prof. Mielle) im Jahr 1894. In Deutschland wurde dafür die „Deutsche Zentrale für internationale Briefwechsel“ (später „Deutsche Zentralstelle für fremdsprachliche Briefschaft“) durch Hartmann gegründet. Bis zum Beginn des I. Weltkrieges wurden hierüber 40.000 Briefwechsel vermittelt. Er wurde mit Beginn des I. Weltkrieges jedoch wieder eingestellt. Hartmann begann ab 1922 wieder die Vermittlungsstelle aufzubauen, zunächst nur mit amerikanischen, später auch wieder mit englischen und französischen Schulen.

Die Ziele des Briefwechsels waren „die Hebung der Selbstständigkeit des Schülers, die Förderung der Kenntnis von Sprache und Kultur des fremden Landes und die zwischenstaatliche Annäherung auf Grund dieser Kenntnis wie auf Grund der erwachsenden persönlichen Beziehungen der Partner.“ Dazu geeignet waren nur Jugendliche, „die ernstlich gewillt sind, den Briefwechsel wenigstes ein Jahr lang mit Eifer durchzuführen.“ In den Briefen war „alles zu meiden, was ihren eigenen Ruf, den ihrer Schule oder ihres Vaterlandes irgendwie schädigen kann.“[2]

Ab 1934 wurde die Briefwechsel neu organisiert und die „Zentralstelle des Deutsch-Ausländischen Schülerbriefwechsels“ (später „Deutsche Pädagogische Auslandsstelle“ beim Deutschen Akademischen Austauschdienst) durch das Reichsministerium des Innern gegründet. Daneben war für die Briefwechsel mit deutschen Schulen im Ausland und Auslandsdeutschen der „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ zuständig.[3] Als Ziele des Briefwechsels galten jetzt – ganz im nationalsozialistischen Sinne – folgende Maxime:

„Der Schülerbriefwechsel mit dem Auslande steht im Dienst des innerdeutschen nationalsozialistischen Erziehungsarbeit. Durch ihn soll der Schüler um Liebe und Verständnis für sein eigenes Volk werben lernen, sein eigenes Wissen vom fremden Land und Volk vertiefen und zugleich seinen Partner zur Erreichung desselben Zieles behilflich sein. Aus der lebendigen Begegnung mit fremdem Volkstum soll ihm eine tiefe Einsicht in das Wesen des eigenen Volkes erwachen. Dabei soll er sich immer der Tatsache bewußt bleiben, daß er dem Partner als Vertreter des deutschen Volkes erscheint und sein würdevolles Verhalten für die Beurteilung des deutschen Volkes im Auslande von Bedeutung ist.“[4]

Nach bekannten Zahlen, die zwischen Oktober 1932 und Ostern 1934 erhoben wurden, betrugen die gesamten reichsweiten Schülerbrief-Vermittlungen 9.845 Sendungen.[5]

Die „erzieherische Bedeutung“ der Briefwechsel wurde 1935 erneut durch das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung betont:
„Der Schülerbriefwechsel mit dem Auslande besitzt eine wesentliche erzieherische Bedeutung.“[6]

Für den Briefwechsel wurden einheitliche Richtlinien erlassen, denen sich auch das Deutsche Jugendrotkreuz anschloss.

Schülerbriefwechsel des Deutschen Jugendrotkreuzes
1926-1939
Die Briefwechsel, die ausschließlich Klassen aus den Schulen („Schul-Jugendrotkreuz“), meistens Volksschulen, durchführten, begann gleich in der Gründungszeit des Deutschen Jugendrotkreuzes.
Bereits kurz nach seiner Gründung im Mai 1925 wird im „Generalbericht des Deutschen Roten Kreuzes 1926-1928“ erwähnt: „Der Schulbriefwechsel entwickelt das Bewußtsein einer Verbundenheit über die Volksgrenzen hinaus.“[7]

Erste Zahlen für 1926 bis 1929 sind wie folgt verfügbar:
„Von einem regelmäßigen Schulbriefwechsel kann erst seit 1926 gesprochen werden, wo 87 Schulsendungen aus Deutschland hinausgingen. 1928 waren es 104, im ersten Halbjahr 1929: 66, in den nächsten ¾ Jahren 47 Schulbriefsendungen. Die Zahl der beteiligten Länder ist zwischen 1926 von 11 auf 24 angewachsen.“[8]

1930 wurden die „Richtlinien für den Schulbriefwechsel“ verabschiedet, in denen explizit auf die Rotkreuz-Neutralität Bezug genommen wird:
„Der Briefwechsel bezweckt einen rein sachlichen Austausch; jede politische Absicht scheidet gemäß der Neutralität des Roten Kreuzes aus.“[9]

Für die nachfolgenden Jahre liegen keine genauen Zahlen vor, jedoch ein Bericht vom Walther Georg Hartmann, dem JRK-Bearbeiter im DRK-Generalsekretariat:

„Vom Jahr 1930 zu 1931 hat sich der Schulbriefwechsel des deutschen Jugendrotkreuzes mit ausländischen Schulen mehr als verdoppelt, mit deutschen Schulen vervierfacht.“[10]

Die gezielte Ansprache der Schulen, intensive Werbearbeit und vielleicht das kostenlose Angebot der Versendung zeigten also Wirkung und stärkten die Jugendrotkreuz-Arbeit in den Schulen.

Kurz nach Beginn der nationalsozialistischen Machtherrschaft wurde dem Jugendrotkreuz im Jahr 1933 durch das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bestätigt:
„Gegen den von Mitarbeitern des Deutschen Jugendrotkreuzes vermittelten Schülerbriefwechsel mit ausländischen Schülern habe ich Bedenken nicht zu erheben.“[11]

Für die Vermittlung der Schülerkontakte waren mehrere Stellen zuständig (siehe oben), so auch das Deutsche Jugendrotkreuz. Hier gab es jedoch zwei Besonderheiten: das Jugendrotkreuz vermittelte ausschließlich Briefwechsel ganzer Klassen und Gruppen und die Vermittlung war für die Schulklassen kostenlos. Bei den anderen Trägern wurden pro Einzelbriefwechsel 30 Reichpfennig bezahlt. Die Verteilung über das Jugendrotkreuz ging dann über die Liga der Rotkreuz-Gesellschaften an die Nationale Rotkreuz-Gesellschaft des jeweiligen Landes, die dafür sorgte, dass eine passende Partnerschule gefunden werden konnte.

Die damalige Jugendrotkreuz-Zeitschrift „Deutsche Jugend“ berichtete fortlaufend über eingegangene und verschickte Briefwechsel, wie das nachfolgende Beispiel verdeutlicht.


Berichterstattung in der Zeitschrift „Deutsche Jugend“,
Jahrgang 1934, Ausgabe November 1934.

Die Arbeit des Deutschen Jugendrotkreuz wurde im Folgenden durch die Nationalsozialisten stark eingeschränkt. Zum Beispiel musste die reichsweit renommierte Zeitschrift „Deutsche Jugend“ 1936 eingestellt werden. In der Einstellungsmitteilung der Zeitschrift vom Februar 1936 wird explizit der Schulbriefwechsel als weiter bestehendes Aufgabengebiet erwähnt, um den Schulen weiteren Kontakt zum Jugendrotkreuz zu geben:
„Vor allem läuft unverändert weiter der gerade jetzt durch einen neuen Aufschwung verstärkte Schulbriefwechsel des Jugendrotkreuzes mit dem Auslande. Das Deutsche Jugendrotkreuz ist amtlich in den Austausch eingefügt, und zwar von allem für die Volksschulen und den Gruppenbriefwechsel. Der Weg der Vermittlung und der Sendungen bleibt der gleiche wie bisher. Vielleicht besteht die Möglichkeit, allen am Jugendrotkreuz-Schulbriefwechsel mit dem Auslande Beteiligten in Zukunft ab und zu besonders gesammelte Anregungen aus der Praxis zu übermitteln.“[13]

Mit der Hitler-Jugend traf das Deutsche Rote Kreuz bereits am 11. Oktober 1935 ein Abkommen über die Zugehörigkeit zum Jugendrotkreuz.[14]


Berichterstattung in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Deutsche Jugend“,
Jahrgang 1936, Ausgabe März 1936.

Das Brief-Programm wurden über die Jahre weitergeführt. Letzte Zahlen über den Schülerbriefwechsel bis zum Jahr 1939 sind wie folgt bekannt:
„Es gingen ausländische Sendungen ein:
im Berichtsjahr 1937/38: 203
im Berichtsjahr 1938/39: 227
und deutsche Sendungen heraus:
im Berichtsjahr 1937/38: 140
im Berichtsjahr 1938/39: 130.“
Zur Herkunft der Schülerbriefe wurden folgende Angaben gemacht:
„Den Hauptanteil an den ausländischen Sendungen hatten wiederrum das Japanische und das Amerikanische Rote Kreuz. Dabei ging der Anteil der japanischen Schulen in einzelnen Zeitabschnitten bis zu 50 Prozent des Gesamteinganges. Im ganzen wurde in den beiden Berichtsjahren ein Austausch durchgeführt mit 19 verschiedenen Ländern, und zwar verteilt auf sämtliche Erdteile.“[15]

Der Verfasser geht davon aus, dass bald nach Beginn des II. Weltkrieges (1939) dieses Programm des JRK eingestellt wurde,[16] Deutschland befand sich dann nachfolgend mit vielen Ländern im Krieg, so dass derart Austausch über Grenzen hinweg wohl kaum mehr möglich war.

Ab 1945
Der Schülerbriefwechsel wurde nach dem II. Weltkrieg sofort wieder aufgenommen und durch praktische Anregungen aus der Praxis ergänzt.[17] Gerade jetzt, in der Nachkriegszeit war die Not auch in Deutschland groß und viele Schulen und JRK-Gruppen erhielten Faltschachteln von ausländischen Schulen gespendet. Hier galt es nun in Kontakt zu treten und sich für die reichhaltigen Geschenke zu bedanken. Dazu sind mehrere Berichte z. B. aus dem Jahr 1949 bekannt.

Aber auch innerdeutsch[18] wurde viel hin- und hergeschrieben, das Jugendrotkreuz im DRK-Landesverband Niedersachsen versuchte Ende 1949 eine Übersicht über die tatsächlichen Schülerbriefwechsel zu gewinnen.

„SchulbriefwechseI.
Wir bitten alle Lehrer, deren Klasse mit einer Schule oder Schulklasse im Inland in Briefwechsel gekommen ist, der Geschäftsstelle des JRK beim Landesverband des DRK, Hannover, Leinestr., zu melden, wann der Briefwechsel begonnen wurde, mit welcher Klasse in welchem Ort er geführt wurde oder noch wird (Anschrift des betreffenden Lehrers), gegebenenfalls welche Gründe dazu geführt haben, den Schulbriefwechsel nicht fortzusetzen.“[19]

Das Ergebnis der Abfrage ist leider nicht bekannt.

Für das zweite und dritte Quartal des Jahres 1951 liegen jedoch folgende Angaben vor:
„Der internationale Schulbriefwechsel wies im zweiten Quartal d. J. [1951] eine rege Beteiligung auf. Insgesamt wurden 70 Alben von deutschen Schulen ins Ausland versandt. Die Zahl der im dritten Quartal verschickten Alben betrug 64, obwohl in diesem Zeitraum die Oster- und Sommerferien fielen.“[20]

Bei diesen Zahlen dürfte es sich ausschließlich um Briefwechsel in der britischen Zone gehandelt haben.

Wann genau der Schülerbriefwechsel im Deutschen Jugendrotkreuz zum Erliegen kam, ist unbekannt. Unterlagen oder Hinweise dazu sind dem Verfasser nicht bekannt. Fraglich bleibt dabei auch, ob es ein bewusster Entschluss der Jugendrotkreuz-Leitung war, oder ob das Programm einen schleichenden Ausgang fand.

Anlage
Zahlen des internationalen JRK-Schulbriefwechsels über die Liga der Rotkreuz-Gesellschaften in den Jahren 1938 bis 1949:[21]
1938: 6698
1939: 5168
1940: 2451
1941: 1275
1942: 734
1943: 431
1944: 577
1945: 1962
1946: 3007
1947: 4967
1948: 498
1949: 2157[22]

Anmerkungen:
[1] Zusammengestellt aufgrund folgender zeitgenössischer Berichte: Friedrich Depken: „Der Schülerbriefwechsel“, in: Deutsches Philologen-Blatt, 38. Jahrgang, 1930, Seite 539 ff. und Gerhard Gräfe: „Der deutsche Schülerbriefwechsel mit dem Ausland.“, in: Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 2. Jahrgang, 1936, Seite 81 ff.
[2] Depken, Seite 539.
[3] Gräfe, Seite 81.
[4] Gräfe, Seite 81.
[5] Deutsches Philologen-Blatt, 42. Jahrgang, 1934, Seite 262.
[6] Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 1. Jahrgang, 1935, Seite 270.
[7] Deutsches Rotes Kreuz: Generalbericht des Deutschen Roten Kreuzes 1926-1928, 2028, Seite 10.
[8] Deutsches Philologen-Blatt, 1930, Seite 539 ff.
[9] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 57. Anderer Wortlaut in der pädagogischen Fachzeitschrift „Die Arbeitsschule“: „Das Jugendrotkreuz ist – auf Grundlage absoluter Neutralität und in ideeller Weltverbundenheit – eine Bewegung, die die Schule bei ihrer Arbeit auf hygienischen und sozialem Gebiete unterstützen will. Sie umfaßt in den Ländern der ganzen Erde heute schon über 12 Millionen Schulkinder.“ Friedrich Depken: Die Arbeitsschule, 46. Jahrgang, 1936, Seite 39.
[10] Walter Georg Hartmann: „Gegenwartsaufgaben im deutschen Jugendrotkreuz.“ In: Die Arbeitsschule, 19. Jahrgang, 1932, Seite 343 ff.
[11] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 43.
[12] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 57.
[13] Deutsches Jugendrotkreuz: Wir – das Jugendrotkreuz, 1985, Seite 54.
[14] „In Zukunft wird der gesamte jugendliche Nachwuchs des Deutschen Roten Kreuzes ausschließlich durch die H.J. sichergestellt. Damit erübrigt sich die Weiterführung eigener Jugendgruppen des Deutschen Roten Kreuzes.“ In: Deutsches Rotes Kreuz: Blätter des Deutschen Roten Kreuzes, 14. Jahrgang, 1935.
[15] Deutsches Rotes Kreuz: Das Deutsche Rote Kreuz Jahresbericht 1937/39, undatiert, Seite 79 f.
[16] So auch bei Gerd Cichlinski: „Entstehung, Entwicklung und Ziele des Jugendrotkreuzes in Deutschland“, Diplomarbeit, Koblenz 1978, Seite 51.
[17] Willy Hanemann: Der Jugendrotkreuz-Schulbriefwechsel. In: Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 4, 1. August 1949.
[18] Westdeutschland; für das Gebiet der späteren Deutschen Demokratischen Republik liegen dem Verfasser keine Angaben vor.
[19] Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 7, 1. November 1949.
[20] Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 11, 1. Oktober 1951.
[21] Arbeits- und Mitteilungsblatt der Lehrer und Freunde des Jugendrotkreuzes in der britischen Zone Deutschlands, Nr. 13, 1. Mai 1950.
[22] Nur erste Jahreshälfte.

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Albert Schweitzer und das Jugendrotkreuz in Oldenburg (Oldb.) und Wobeck

„Ich selber halte das Jugendrotkreuz für etwas,
dem eine große Bedeutung in unserer Zeit zukommt.“
Albert Schweitzer

Der ältere, grauhaarige Herr, Arzt, Theologieprofessor, Bach-Interpret, Gegner atomarer Rüstung und Friedensnobelpreistrager, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Afrika, im sogenannten „Urwaldhospital“ in Lambaréné (Gabun) niederließ, um dort Leprakranken Hilfe zukommen zu lassen, war in den 1950er bis 1960er Projektionsfigur für das Jugendrotkreuz (JRK) und seine Mitglieder. Wer konnte zu dieser Zeit mehr Menschlichkeit durch sein humanitares Tun repräsentieren als Albert Schweitzer? Daher wundert es nicht, dass sich auch verschiedene JRK-Gruppen mit ihm beschaftigten und nach ihm benannt wurden.

Oldenburg (Oldb.)
Die wohl noch gar nicht so lange bestehende JRK-Gruppe im DRK-Kreisverband Oldenburg (Oldb.) fragte bei Schweitzer in Lambaréné nach, ob sie seinen Namen als Gruppennamen tragen darf. Aus der lokalen Zeitung erfahren wir, dass Schweitzer ihnen diese Erlaubnis im November 1954 erteile: „Gerne gebe ich den Angehörigen der Jugendgruppe das Recht, meinen Namen zu führen. Es freut mich, daß ein solches Leben in den Jugendgruppen des Roten Kreuzes in Deutschland ist. Mit besten Gedanken Ihr ergebener Albert Schweitzer.“ Der Zeitpunkt seiner Antwort ist insoweit interessant, da Schweitzer am 4. November 1954 nachträglich den Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 in Oslo verliehen bekam. Er schreibt entschuldigend weiter: „Verzeihen Sie bitte die verspätete Antwort. Aber es ist mir nicht möglich, meine Korrespondenz zu erledigen, wie es sein sollte, auch wenn ich Pflegerinnen habe, die mir dabei helfen und wenn ich nicht nächtliche Stunden, die ich zum Schlafen brauche, dafür opfere.“ Diese entschuldigenden Sätze sind aus mehreren Briefen an verschiedene JRK-Gruppen bekannt. Die JRK-Gruppe aus Essen-Bergeborbeck wartete zum Beispiel fast ein Jahr lang auf Schweitzers Antwort; auch hier ging es um die Namensgebung für eine JRK-Gruppe.

Namensbenennungen von JRK-Gruppen waren damals im Bundesgebiet durchaus üblich; das war identitätsstiftend für die Gruppe und bewog JRKler ihren Vorbildern nachzueifern. Für Oldenburg sind neben „Albert Schweitzer“ die damaligen Gruppennamen „Henry Dunant“, „Friedjof Nansen“ und „Martin Luther King“ bekannt.

Mit seinem Schreiben übersandte Schweitzer eine gedruckte Abbildung. Er, Schweitzer, mit nach links gedrehtem Oberkörper, über das Wasser schauend, in weißem Hemd mit Tropenhelm, sitzend in einem schmalen Kanu oder Einbaum auf dem Ogooué, dem Fluss, der an Lambaréné vorbei in den Südatlantik fließt. Geführt wird das kleine Boot von einem vor ihm stehenden, jugendlichen Indigenen mit einem langen Paddel. Darunter in Handschrift: „Im Kanoe auf dem Ogowe. Der Jugendgruppe des Roten Kreuzes in Oldenburg, mit besten Wünschen. Albert Schweitzer 1954.“ Der Fotograf, sicherlich sitzend hinter Schweitzer im Kanu, ist namentlich nicht bekannt.

Die lokale Presse in Oldenburg schrieb dazu: „Die Oldenburger Jugendrotkreuz-Gruppe hatte Albert Schweitzer gebeten, seinen Namen führen zu dürfen. Ihr, wie unendlich vielen Menschen aller Rassen und Hautfarben, ist Prof. Albert Schweitzer, […], ein Vorbild. Ihm wollen die jungen Helfer des Roten Kreuzes uneigennützig nacheifern.“

Das Bild hing noch in den 80er Jahren in den Räumen des Oldenburger Jugendrotkreuzes, wie sich der Verfasser erinnern kann, aber mit zunehmender Verblassung des handschriftlichen Textes in Tinte, sodass sie schon nicht mehr leserlich war. Ein gleiches Bild erhielt bereits die Schul-Jugendrotkreuzklasse 7 a in Villingen (Baden-Württemberg) im Februar 1954, abgedruckt als Titelblatt einer Ausgabe des „Mitteilungsblatt des Deutschen Roten Kreuzes Landesverbände Baden-Württemberg und Südbaden“ (Heft 2/1955). Es ist als Briefmarkenmotiv aus den Niederlanden aus dem Jahr 1975 bei Philatelisten bekannt (Michel 1054).

Albert-Schweitzer-Spende
Jetzt, nachdem die Gruppe seinen Namen tragen durfte, mussten auch Taten folgen! Daher passte es gut, dass das Deutsche Jugendrotkreuz Ende 1954 seine Mitglieder zur „Albert-Schweitzer-Spende“ aufrief. Aus Anlass des bevorstehenden 80. Geburtstag Schweitzers (14. Januar 1955) sollte jedes Mitglied 10 Pfennig spenden, um seinen ganz persönlichen Beitrag zum weiteren Aufbau des „Urwaldhospitals“ in Lambaréné zu leisten. Das JRK in Oldenburg beteiligte sich neben den persönlichen 10 Pfennig pro Mitglied an dieser Aktion, zum Beispiel durch den Verkauf von selbstgestalteten Postkarten und einer Filmvorführung („Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer“) in der „Brücke der Nationen“ in Oldenburg. Auch die Schülervertretung der Oldenburger Graf-Anton-Günther-Schule spendete 122,21 Deutsche Mark (DM) für diese Aktion. Im DRK-Landesverband Niedersachsen beteiligten sich die JRK-Gruppen aus Osnabrück, Alsfeld, Lüneburg, Neustadt, Osterode, Schaumburg-Lippe, Springe, Aschendorf-Hümling und Otterndorf an der „Albert-Schweitzer-Spende“ und konnten so 1.736,95 DM erzielen. Beim Jugendrotkreuz im DRK-Landesverband Westfalen-Lippe kamen 2.440,63 DM, beim Bayerischen JRK 1.500 DM und im DRK-Landesverband Schleswig-Holstein 437,85 DM zusammen. Die Gesamtsumme der Spenden des Deutschen Jugendrotkreuzes betrug, Stand März 1955, insgesamt 18.460 DM.

Schweitzer bedankte sich in einem Handschreiben mit rührseligen Worten an die Bundesleitung des JRK: „Ich bin ganz erschüttert von der Höhe der Spende des Jugendrotkreuzes! Wie viel haben sich die Kinder vom Munde absparen müssen, daß diese Summe aus kleinen Beträgen zusammenkam! Ich bin so tief bewegt, daß ich Ihnen fast nicht schreiben kann. Sagen Sie bitte der Jugend meinen Herzlichen Dank. Sagen Sie ihr, wie ich von der Gabe bewegt bin, die unter Opfer und Verzicht zusammengekommen ist.“

Das JRK in Oldenburg erhielt im März 1956 ein weiteres Schreiben aus Lambaréné. Darin wird die große Belastung, die Schweitzer im Hospital trug, betont. „Ich kann nicht feststellen, ob ich, wie ich glaube, geantwortet habe, oder ob ich über das Reisen nicht dazu kam. Ich bin ja ein armer Kerl. Ich bin so beschäftigt und oft so müde, daß ich auch meiner drängenden Korrespondenz, die Tag für Tag erledigt werden sollte, nicht nachkomme.“ Weiter bedankt er sich für eine Spende und gibt zur Überweisung des Betrages genaue Angaben. Und dann weiter: „Seit zwei Monaten bin ich nach einem sehr ermüdenden kurzen Europaaufenthalt wieder in Lambarene, wo ich viele Arbeiten vorgefunden habe. Mit Sorge denke ich, während ich schreibe, an Europa. Was kann das für Wassernot geben, wenn der viele Schnee wegschmilzt. Herzlich mit besten Grüßen an Sie und die Jugendrotkreuzgruppe zu Oldenburg. Ihr ergebener Albert Schweitzer.“
Diesmal beigefügt ist dem Brief ein Druck mit einem gezeichneten Bild und Lageplan des „Urwaldhospitals von Dr. Albert Schweitzer“.

Die Spur der JRK-Gruppe mit dem berühmten Namenpaten verliert sich Ende der 1960er Jahre; zuletzt werden in der lokalen Presse eine JRK-Faltschachtelaktion im April und ein 3. Platz beim JRK-Kreiswettbewerb im Mai 1968 verzeichnet. Unterlagen sind im DRK-Kreisverband Oldenburg-Stadt nicht mehr vorhanden. Eine Anfrage im Albert-Schweitzer-Archiv in Gunsbach, Frankreich, verlief erfolglos.

Wobeck
Die erst am 26. August 1963 gegründete JRK-Gruppe in Wobeck (DRK-Kreisverband Helmstedt) sammelte im Frühjahr 1964 nach einem Hilfsaufruf aus Lambaréné in der Bevölkerung besonders dringend benötigte Säuglingswäsche. Zusammen kamen bei der Sammlung gut 4 Pakete, die über den evangelischen Kirchenrat Walter Staats aus Braunschweig, nach Lambaréné geschickt wurden. Von dort aus schrieb kam dann ein Dankschreiben zurück, und liess „im Namen von Herrn Dr. Schweitzer und im Namen des Spitals ganz herzlich dafür danken.“ Im Schreiben wird die Arbeit Schweitzers wie folgt beschrieben: „Herr Dr. Schweitzer ist noch immer unermüdlich an der Arbeit, ist überall im Spital anzutreffen, leitet[,] hilft und plant[,] wo es nötig ist. Auch an seinem Schreibtisch kann man ihn oft sehen, sei es in seinem Zimmer oder in der grossen Pharmacie, wo die Medikamente ausgeteilt werden, und die eigentlich das Zentrum des Spitals ist. Das Schreiben und das Lesen jedoch strengt seine Augen immer mehr an und ermüdet ihn sehr. Die vielen Besucher die täglich kommen, nehmen seine Zeit in Anspruch, und es ist wirklich wunderbar, wie er für jeden Zeit findet, an allem interessiert ist und auch für jeden ein Gespräch findet.“

Nicht nur Kleidungsstücke (und sicherlich auch Geld) wurden nach Gabun geschickt; so ist in den Unterlagen aus Wobeck auch die Rede von „5 Dosen Wurst“, die -wieder über Braunschweig nach Lambaréné kamen – und in einem Brief von Weihnachten 1964 nochmals Erwähnung fanden. Und auch „3 neue Armbanduhren“ waren einer Sendung im Herbst 1964 beigefügt.

Über die Vermittlung von Otto Müller aus dem DRK-Kreisverband Helmstedt, kam auch die JRK-Gruppe Wobeck zu einer Genehmigung sich „Albert-Schweitzer-Gruppe“ nennen zu dürfen. Müller war hier im Kreisverband seit langem tätig, beruflich als Lehrer und später Rektor in Helmstedt, brachte er beste Voraussetzungen für seine Tätigkeiten im Jugendrotkreuz mit. Im Deutschen Jugendrotkreuz war er als Vorsitzender des Bundesausschusses JRK von 1959 bis 1962 für die JRK-Arbeit auf Bundesebene verantwortlich.

Anlässlich des Besuchs von Kirchenrat Staats in Lambaréné über Weihnachten 1964 dankte Schweitzer nochmals dem DRK-Ortsverein Wobeck, insbesondere dem JRK. „Ich danke Ihnen herzlichst für alles, was Sie dem Spital zugehen liessen. Herzlichst Albert Schweitzer“.

Aus Lambaréné ist noch ein kleines Blättchen in Postkartengröße erhalten, mit dem Abbild von Schweitzer an seinem Schreibtisch in seine Korrespondenz vertieft, die er stets handschriftlich mit Füllfeder ausführte. Darauf die Zeilen: „Am Tisch in Lambarene / Dem Deutschen Roten Kreuz / in Wobeck bei Helmstedt / Herzlichst Albert Schweitzer / Lambarene 3.1.1965.“

Schweitzer starb am 4. September 1965 im Alter von 90 Jahren in seinem Hospital in Gabun. Ein am 15. November 1965 dort abgestempelter Brief erreicht später die JRK-Gruppe in Wobeck; darin eine Dankeskarte der Tochter von Schweitzer, Rhena Eckert-Schweitzer.

Der Verfasser dankt dem DRK-Kreisverband Helmstedt für die freundliche Überlassung der Unterlagen des JRK Wobeck und Albert Schweitzers.

Dieser Artikel erschien zuerst in: Mitteilungsblatt Nr. 245 (2/2026) der Motivgemeinschaft Rotes Kreuz, Luckenwalde 2026.

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100 Jahre Deutsches Jugendrotkreuz

Am 27. Mai 1925 wurde das Deutsche Jugendrotkreuz in Berlin gegründet, dazu sind jetzt neue und alte Publikationen verfügbar:
jugendrotkreuz.de: Jubiläumsseite
jugendrotkreuz.de: Broschüre zum Jubiläum des Jugendrotkreuzes anlässlich des 100. Geburtstages (2025)
avm-verlag.de: „Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff“ Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz; Reihe Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band-Nr. 14 (2025)
jugendrotkreuz.de: Broschüre zum 75. Geburtstag des Jugendrotkreuzes (2000)
jugendrotkreuz.de: Publikation zum 60. Geburtstag des Jugendrotkreuzes (1985).

Happy Birthday, liebes Jugendrotkreuz!

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Materialsammlung Zivilschutz

# Grünbuch Zivil-Militärische Zusammenarbeit (2024), Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit
# Kleine Anfrage: Bevölkerungsschutz in der Zeitenwende (23.10.2024)
# Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages: Fragen zur ergänzenden Zivilschutzausbildung (19.06.2024)
# Antwort der Bundesregierung: Fähigkeit zur Zivilen Verteidigung und insbesondere Zustand des Zivilschutzes in Deutschland im Jahr 2024 (DrS. 20/11895) (17.06.2024)
# Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung – Gesamtverteidigungsrichtlinien – (RRGV) (05.06.2024)
# Unterrichtung durch die Bundesregierung: Bericht zur Risikoanalyse für den Zivilschutz 2023 (DrS. 20/10476) (19.02.2024)
# Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages: Zum System des Bevölkerungsschutzes (26.10.2023)
# Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages: Die Rolle des Deutschen Roten Kreuzes im Verteidigungsfall im Vergleich zur Rolle nationaler Rotkreuz-Gesellschaften in Frankreich,Polen und Österreich (21.07.2023)
# Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages: Zur Ausgestaltung des Bevölkerungsschutzes in der Bundesrepublik (15.05.2023)
# Antwort der Bundesregierung: Zivilschutz und Zivile Verteidigung in Deutschland (DrS. 20/4592) (27.12.2022)
# Johannes Richert/Heike Spieker: Die Rolle des Deutschen Roten Kreuzes im Bevölkerungsschutz. In: Krisenmanagement, Notfallplanung, Zivilschutz : Festschrift anlässlich 60 Jahre Zivil- und Bevölkerungsschutz in Deutschland (2021) [DNB-Link]
# Harald Karutz/Wolfram Geier/Thomas Mitschke (Hrsg.): Bevölkerungsschutz – Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis. Springer-Verlag Berlin Heidelberg (2017) [DNB-Link]
# Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages: Zur Kompetenz des Bundes für den Bevölkerungsschutz (19.12.2007)

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IGH-Gutachten

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat der UN-Generalversammlung auf dessen Anfrage hin (Resolution A/RES/77/247 vom 30. Dezember 2022) ein Gutachten zur israelischen Besetzung in Gaza und im Westjordanland vorgelegt.

icj-cij.org: Press release No. 2024/57
icj-cij.org: Das Gutachten im Volltext
lto.de: IGH-Gutachten zu Israels Besetzung palästinensischer Gebiete – Bei Gaza zu weit gegangen (Claus Kreß).

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Podcast zu Dunant

Die Apotheken-Umschau hat im Rahmen ihrer Serie „Siege der Medizin“ einen Podcast zu Henry Dunant erstellt. Sprecherin ist die bekannte deutsche Schauspielerin Andrea Sawatzki.

apotheken-umschau.de: „Tutti Fratelli“ – Henry Dunant und die Geburtsstunde des Roten Kreuzes

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