dem eine große Bedeutung in unserer Zeit zukommt.“
Albert Schweitzer
Der ältere, grauhaarige Herr, Arzt, Theologieprofessor, Bach-Interpret, Gegner atomarer Rüstung und Friedensnobelpreistrager, der zu Beginn des 20. in Afrika, im sogenannten „Urwaldhospital“ in Lambaréné (Gabun) niederließ, um dort Leprakranken Hilfe zukommen zu lassen, war in den 1950er bis 1960er Projektionsfigur für das Jugendrotkreuz (JRK) und seine Mitglieder. Wer konnte zu dieser Zeit mehr Menschlichkeit durch sein humanitares Tun repräsentieren als Albert Schweitzer? Daher wundert es nicht, dass sich auch verschiedene JRK-Gruppen mit ihm beschaftigten und nach ihm benannt wurden.
Oldenburg (Oldb.)
Die wohl noch gar nicht so lange bestehende JRK-Gruppe im DRK-Kreisverband Oldenburg (Oldb.) fragte bei Schweitzer in Lambaréné nach, ob sie seinen Namen als Gruppennamen tragen darf. Aus der lokalen Zeitung erfahren wir, dass Schweitzer ihnen diese Erlaubnis im November 1954 erteile: „Gerne gebe ich den Angehörigen der Jugendgruppe das Recht, meinen Namen zu führen. Es freut mich, daß ein solches Leben in den Jugendgruppen des Roten Kreuzes in Deutschland ist. Mit besten Gedanken Ihr ergebener Albert Schweitzer.“ Der Zeitpunkt seiner Antwort ist insoweit interessant, da Schweitzer am 4. November 1954 nachträglich den Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 in Oslo verliehen bekam. Er schreibt entschuldigend weiter: „Verzeihen Sie bitte die verspätete Antwort. Aber es ist mir nicht möglich, meine Korrespondenz zu erledigen, wie es sein sollte, auch wenn ich Pflegerinnen habe, die mir dabei helfen und wenn ich nicht nächtliche Stunden, die ich zum Schlafen brauche, dafür opfere.“ Diese entschuldigenden Sätze sind aus mehreren Briefen an verschiedene JRK-Gruppen bekannt. Die JRK-Gruppe aus Essen-Bergeborbeck wartete zum Beispiel fast ein Jahr lang auf Schweitzers Antwort; auch hier ging es um die Namensgebung für eine JRK-Gruppe.
Namensbenennungen von JRK-Gruppen waren damals im Bundesgebiet durchaus üblich; das war identitätsstiftend für die Gruppe und bewog JRKler ihren Vorbildern nachzueifern. Für Oldenburg sind neben „Albert Schweitzer“ die damaligen Gruppennamen „Henry Dunant“, „Friedjof Nansen“ und „Martin Luther King“ bekannt.
Mit seinem Schreiben übersandte Schweitzer eine gedruckte Abbildung. Er, Schweitzer, mit nach links gedrehtem Oberkörper, über das Wasser schauend, in weißem Hemd mit Tropenhelm, sitzend in einem schmalen Kanu oder Einbaum auf dem Ogooué, dem Fluss, der an Lambaréné vorbei in den Südatlantik fließt. Geführt wird das kleine Boot von einem vor ihm stehenden, jugendlichen Indigenen mit einem langen Paddel. Darunter in Handschrift: „Im Kanoe auf dem Ogowe. Der Jugendgruppe des Roten Kreuzes in Oldenburg, mit besten Wünschen. Albert Schweitzer 1954.“ Der Fotograf, sicherlich sitzend hinter Schweitzer im Kanu, ist namentlich nicht bekannt.

Die lokale Presse in Oldenburg schrieb dazu: „Die Oldenburger Jugendrotkreuz-Gruppe hatte Albert Schweitzer gebeten, seinen Namen führen zu dürfen. Ihr, wie unendlich vielen Menschen aller Rassen und Hautfarben, ist Prof. Albert Schweitzer, […], ein Vorbild. Ihm wollen die jungen Helfer des Roten Kreuzes uneigennützig nacheifern.“
Das Bild hing noch in den 80er Jahren in den Räumen des Oldenburger Jugendrotkreuzes, wie sich der Verfasser erinnern kann, aber mit zunehmender Verblassung des handschriftlichen Textes in Tinte, sodass sie schon nicht mehr leserlich war. Ein gleiches Bild erhielt bereits die Schul-Jugendrotkreuzklasse 7 a in Villingen (Baden-Württemberg) im Februar 1954, abgedruckt als Titelblatt einer Ausgabe des „Mitteilungsblatt des Deutschen Roten Kreuzes Landesverbände Baden-Württemberg und Südbaden“ (Heft 2/1955). Es ist als Briefmarkenmotiv aus den Niederlanden aus dem Jahr 1975 bei Philatelisten bekannt (Michel 1054).

Albert-Schweitzer-Spende
Jetzt, nachdem die Gruppe seinen Namen tragen durfte, mussten auch Taten folgen! Daher passte es gut, dass das Deutsche Jugendrotkreuz Ende 1954 seine Mitglieder zur „Albert-Schweitzer-Spende“ aufrief. Aus Anlass des bevorstehenden 80. Geburtstag Schweitzers (14. Januar 1955) sollte jedes Mitglied 10 Pfennig spenden, um seinen ganz persönlichen Beitrag zum weiteren Aufbau des „Urwaldhospitals“ in Lambaréné zu leisten. Das JRK in Oldenburg beteiligte sich neben den persönlichen 10 Pfennig pro Mitglied an dieser Aktion, zum Beispiel durch den Verkauf von selbstgestalteten Postkarten und einer Filmvorführung („Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer“) in der „Brücke der Nationen“ in Oldenburg. Auch die Schülervertretung der Oldenburger Graf-Anton-Günther-Schule spendete 122,21 Deutsche Mark (DM) für diese Aktion. Im DRK-Landesverband Niedersachsen beteiligten sich die JRK-Gruppen aus Osnabrück, Alsfeld, Lüneburg, Neustadt, Osterode, Schaumburg-Lippe, Springe, Aschendorf-Hümling und Otterndorf an der „Albert-Schweitzer-Spende“ und konnten so 1.736,95 DM erzielen. Beim Jugendrotkreuz im DRK-Landesverband Westfalen-Lippe kamen 2.440,63 DM, beim Bayerischen JRK 1.500 DM und im DRK-Landesverband Schleswig-Holstein 437,85 DM zusammen. Die Gesamtsumme der Spenden des Deutschen Jugendrotkreuzes betrug, Stand März 1955, insgesamt 18.460 DM.
Schweitzer bedankte sich in einem Handschreiben mit rührseligen Worten an die Bundesleitung des JRK: „Ich bin ganz erschüttert von der Höhe der Spende des Jugendrotkreuzes! Wie viel haben sich die Kinder vom Munde absparen müssen, daß diese Summe aus kleinen Beträgen zusammenkam! Ich bin so tief bewegt, daß ich Ihnen fast nicht schreiben kann. Sagen Sie bitte der Jugend meinen Herzlichen Dank. Sagen Sie ihr, wie ich von der Gabe bewegt bin, die unter Opfer und Verzicht zusammengekommen ist.“
Das JRK in Oldenburg erhielt im März 1956 ein weiteres Schreiben aus Lambaréné. Darin wird die große Belastung, die Schweitzer im Hospital trug, betont. „Ich kann nicht feststellen, ob ich, wie ich glaube, geantwortet habe, oder ob ich über das Reisen nicht dazu kam. Ich bin ja ein armer Kerl. Ich bin so beschäftigt und oft so müde, daß ich auch meiner drängenden Korrespondenz, die Tag für Tag erledigt werden sollte, nicht nachkomme.“ Weiter bedankt er sich für eine Spende und gibt zur Überweisung des Betrages genaue Angaben. Und dann weiter: „Seit zwei Monaten bin ich nach einem sehr ermüdenden kurzen Europaaufenthalt wieder in Lambarene, wo ich viele Arbeiten vorgefunden habe. Mit Sorge denke ich, während ich schreibe, an Europa. Was kann das für Wassernot geben, wenn der viele Schnee wegschmilzt. Herzlich mit besten Grüßen an Sie und die Jugendrotkreuzgruppe zu Oldenburg. Ihr ergebener Albert Schweitzer.“
Diesmal beigefügt ist dem Brief ein Druck mit einem gezeichneten Bild und Lageplan des „Urwaldhospitals von Dr. Albert Schweitzer“.
Die Spur der JRK-Gruppe mit dem berühmten Namenpaten verliert sich Ende der 1960er Jahre; zuletzt werden in der lokalen Presse eine JRK-Faltschachtelaktion im April und ein 3. Platz beim JRK-Kreiswettbewerb im Mai 1968 verzeichnet. Unterlagen sind im DRK-Kreisverband Oldenburg-Stadt nicht mehr vorhanden. Eine Anfrage im Albert-Schweitzer-Archiv in Gunsbach, Frankreich, verlief erfolglos.
Wobeck
Die erst am 26. August 1963 gegründete JRK-Gruppe in Wobeck (DRK-Kreisverband Helmstedt) sammelte im Frühjahr 1964 nach einem Hilfsaufruf aus Lambaréné in der Bevölkerung besonders dringend benötigte Säuglingswäsche. Zusammen kamen bei der Sammlung gut 4 Pakete, die über den evangelischen Kirchenrat Walter Staats aus Braunschweig, nach Lambaréné geschickt wurden. Von dort aus schrieb kam dann ein Dankschreiben zurück, und liess „im Namen von Herrn Dr. Schweitzer und im Namen des Spitals ganz herzlich dafür danken.“ Im Schreiben wird die Arbeit Schweitzers wie folgt beschrieben: „Herr Dr. Schweitzer ist noch immer unermüdlich an der Arbeit, ist überall im Spital anzutreffen, leitet[,] hilft und plant[,] wo es nötig ist. Auch an seinem Schreibtisch kann man ihn oft sehen, sei es in seinem Zimmer oder in der grossen Pharmacie, wo die Medikamente ausgeteilt werden, und die eigentlich das Zentrum des Spitals ist. Das Schreiben und das Lesen jedoch strengt seine Augen immer mehr an und ermüdet ihn sehr. Die vielen Besucher die täglich kommen, nehmen seine Zeit in Anspruch, und es ist wirklich wunderbar, wie er für jeden Zeit findet, an allem interessiert ist und auch für jeden ein Gespräch findet.“
Nicht nur Kleidungsstücke (und sicherlich auch Geld) wurden nach Gabun geschickt; so ist in den Unterlagen aus Wobeck auch die Rede von „5 Dosen Wurst“, die -wieder über Braunschweig nach Lambaréné kamen – und in einem Brief von Weihnachten 1964 nochmals Erwähnung fanden. Und auch „3 neue Armbanduhren“ waren einer Sendung im Herbst 1964 beigefügt.
Über die Vermittlung von Otto Müller aus dem DRK-Kreisverband Helmstedt, kam auch die JRK-Gruppe Wobeck zu einer Genehmigung sich „Albert-Schweitzer-Gruppe“ nennen zu dürfen. Müller war hier im Kreisverband seit langem tätig, beruflich als Lehrer und später Rektor in Helmstedt, brachte er beste Voraussetzungen für seine Tätigkeiten im Jugendrotkreuz mit. Im Deutschen Jugendrotkreuz war er als Vorsitzender des Bundesausschusses JRK von 1959 bis 1962 für die JRK-Arbeit auf Bundesebene verantwortlich.
Anlässlich des Besuchs von Kirchenrat Staats in Lambaréné über Weihnachten 1964 dankte Schweitzer nochmals dem DRK-Ortsverein Wobeck, insbesondere dem JRK. „Ich danke Ihnen herzlichst für alles, was Sie dem Spital zugehen liessen. Herzlichst Albert Schweitzer“.
Aus Lambaréné ist noch ein kleines Blättchen in Postkartengröße erhalten, mit dem Abbild von Schweitzer an seinem Schreibtisch in seine Korrespondenz vertieft, die er stets handschriftlich mit Füllfeder ausführte. Darauf die Zeilen: „Am Tisch in Lambarene / Dem Deutschen Roten Kreuz / in Wobeck bei Helmstedt / Herzlichst Albert Schweitzer / Lambarene 3.1.1965.“

Schweitzer starb am 4. September 1965 im Alter von 90 Jahren in seinem Hospital in Gabun. Ein am 15. November 1965 dort abgestempelter Brief erreicht später die JRK-Gruppe in Wobeck; darin eine Dankeskarte der Tochter von Schweitzer, Rhena Eckert-Schweitzer.
Der Verfasser dankt dem DRK-Kreisverband Helmstedt für die freundliche Überlassung der Unterlagen des JRK Wobeck und Albert Schweitzers.
Dieser Artikel erschien zuerst in: Mitteilungsblatt Nr. 245 (2/2026) der Motivgemeinschaft Rotes Kreuz, Luckenwalde 2026.